Einen interessanten Artikel fand ich heute in „Vierzig Jahre Hamburger Abendblatt.“
Hamburg 1964
Ex Bundeskanzler und Innensenator Schmidt
Für den Mann ist das Auto das letzte Stück Freiheit
Innensenator Schmidt: Ein Auto kann so gefährlich sein wie eine entsicherte Maschinenpistole
- Das Auto ist der letzte Rest Freiheit, der dem Menschen in der Massengesellschaft noch geblieben ist.
- Hinter dem Lenkrad kann der Mensch sich noch einbilden, sein eigener Herr zu sein.
- Der Mensch reagiert außerordentlich empfindlich, wenn ihm durch irgendwelche Eingriffe, etwa durch Polizeivorschriften,
dieses letzte Reservat von Freizügigkeiten genommen wird.
Hamburgs Innensenator Helmut Schmidt stellte diese Kernsätze – als Schlüssel für viele scheinbar unerklärliche Probleme des Straßenverkehrs – in den Mittelpunkt eines Vortrages vor dem Motor – Presse – Club. Der Verband hält zur Zeit seine Bundestagung in der Hansestadt ab.
Senator Schmidt sagt: „ Wann der Mensch morgens aufsteht, bestimmt nicht er, sondern der Betrieb. Er stellt das Radio an und hört die gleiche Sendung wie Hunderttausende. Er liest die gleiche Zeitung wie viele tausend andere. Was er im Betrieb tut, was er in der Kantine ist, unterliegt fremder Entscheidung.“
Der Mensch sei also unentrinnbar in das Kollektiv der Massengesellschaft eingespannt.
Nur ganz wenige Gelegenheiten blieben ihm, um in die Freiheit zu entrinnen. Und eine der besten sei das Automobil.
„ Wo sonst“ , sagt Schmidt, „als nur im Auto kann der Mensch noch eigene Entscheidungen fällen, eigene Entschlüsse fassen und
sie sogar in die Tat umsetzen? Wo sonst kann er noch jemand zum Gehorsam zwingen, und wenn es nur eine Maschine ist?
Und diese Herrschaft kann er sogar in aller Öffentlichkeit demonstrieren.“
Frage. „Wer oder was sonst als ein Motorfahrzeug gehorcht heute einem Mann noch bedingungslos?“
Diese, wie Schmidt sagt, „tief verwurzelten emotionalen Gründe“ sind die Erklärung für den Drang zum eigenen Wagen.
Damit hänge es auch zusammen, dass heute das Auto der Gradmesser des Sozialprestiges sei. Daher rühre auch die allergische Empfindlichkeit des Kraftfahrers gegenüber jeder Behinderung. „Zu enge Straßen, fehlende Parkplätze, Umleitungen und Baustellen sind hochexplosiver Zündstoff“ , sagt Schmidt. Hinzu kommt: „Jedem Menschen, der eine komplizierte Maschine bedient, unterläuft da von Zeit zu Zeit ein Fehler. Auch dem aufmerksamsten und korrektesten.“ Im Verkehr aber werden diese
Fehlleistungen als Gesetzesverletzung geahndet. „Kein Wunder“, sagt Schmidt, „dass der Betroffene sich innerlich dagegen sträubt, seine Pannen als kriminelles Delikt betrachtet zu wissen.“ Während die Polizei dem Bürger sonst als Freund und Helfer begegnet, hinter dem Lenkrad fühlt er sich von ihr als „potentieller Gesetzesbrecher“ betrachtet.
„Darunter leiden auch die Polizisten.“ Schmidt folgert: Verkehr ohne straffe Reglementierung ist nicht möglich. Der Kraftfahrer muss das einsehen. Entscheidend dabei: sich der Gefahren bewusst werden. „Ein Auto kann genauso gefährlich sein wie eine entsicherte Maschinenpistole.“
Darüber hinaus müsse bei der Straßenbaupolitik des Bundes ein Umdenken erfolgen. Die Vermehrung des Straßenraums, davon ist der Senator überzeugt, ist der Schlüssel zur Lösung aller Verkehrsprobleme. Alles andere seien Versuche, an den Symptomen herumzudoktern.
Hans W. Bruckmann
von rikschadriver
in Hamburg - damals
um
20:22
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